erschienen am 14. Januar 2006 im Nordkurier
2008 ist Wolfgang Bordel 25 Jahre am Anklamer Theater. “Das kann auch ein sehr großer Makel sein”, sagt er. “Weiter als bis Anklam hat er es also nun nicht geschafft. Es ist eben so, entweder man geht von einem berühmten Ort zum nächsten und partizipiert von der Berühmtheit dieses Ortes, oder man muss halt den Ort berühmt machen.”

NORDKURIER: Sie haben die Mitarbeiter des Theaters einmal als Viren bezeichnet. Wie meinten Sie das?
BORDEL: Es ist der stille Traum, dass Kultur sich wie eine gute Krankheit ausbreitet, wie eine Seuche und wenn man etwas mit Begeisterung macht und Leute anstecken kann, dann sind sie potenzielle Träger dieser Seuche und können auch andere anstecken.
NORDKURIER: Also ein Kulturvirus.
BORDEL: Unbedingt.
NORDKURIER: Zeigt sich Ostvorpommern immun gegen derartige Virenangriffe?
BORDEL: Sagen wir einmal so. Das Immunsystem ist schwer auszutricksen. Aber wenn es dann gelungen ist, ist der Virus auch so, dass er kaum noch zu bekämpfen ist. Eigentlich ist hier kulturell gesehen schon viel los, und damit meine ich nicht nur die Landesbühne. Die Kulturbombe hat zwar noch nicht so richtig gezündet, aber ich glaube, sie wird es irgendwann und dann haben wir etwas, von dem man sagen kann, es ist ein Kulturland.
NORDKURIER: Wie könnte es aussehen, das zukünftige Kulturland?
BORDEL: Das hat etwas mit dem wiederfinden der Selbstachtung der Leute zu tun. Hier gibt es ja dieses protestantische Selbstbild: Der Mensch definiert sich nur über seine Arbeit. Aber es ist unglücklich, wenn er keine hat, wie in dieser Gegend. Der Schwiegersohn von Karl Marx, Paul Lafargue, hat dieses tiefschürfende Buch geschrieben, “Das Recht auf Faulheit”, und beweist darin, das es nicht das der letztendliche Zweck des Menschen ist zu arbeiten, sondern zu leben.
NORDKURIER: Trotz Hartz IV - es geht uns eigentlich gar nicht so schlecht. Das haben Sie in der Vergangenheit häufiger betont.
BORDEL: Das ist ja das Schöne am Menschen. Es ist immer nur eine Frage der Verhältnisse, die einem das Leben vermiesen. Natürlich ist es schon tragisch, in einer Zeit zu leben, wo man bei Freunden eingeladen wird und man bekommt das zweite Bad gezeigt und man kann möglicherweise nicht mithalten. Aber die Frage ist auch: Warum sollte man da mithalten? Wenn ich private Konsumtion höher setze als die gesellschaftliche, dann habe ich von vornherein das Problem, nicht zu wissen, warum ich das betreibe.
NORDKURIER: Am Ende muss aber auch die Vorpommersche Landesbühne schauen, dass sie nicht allzu rote Zahlen schreibt. Eine Methode besteht darin, Stücke zu platzieren, von denen man weiß, dass sie gut gehen und sich noch ein bisschen Luxus nebenher gönnt, sprich riskante Stücke auf die Bühne bringt.
BORDEL: Was sind Stücke, die sich gut platzieren? Wenn man das genau wüsste, könnte man ja sagen, wir spielen drei Stücke, die sich gut platzieren, zwei, wo es schwierig ist und eines, wo es ganz schwer ist. Da kann man sich so irren.
NORDKURIER: Wo haben Sie sich geirrt?
BORDEL: Effi Briest von Fontane. Viele haben es in der Schule gehabt, viele haben es auch von der Schule ausgeredet bekommen. Wird es was sein, womit man im Sommer Leute ins Theater bekommt? Bei uns haben einige gesagt: Naja, gehen wir mal davon aus, es wird nicht laufen - und es lief hervorragend.
NORDKURIER: Verlegen wir einmal gedanklich die Landesbühne vom protestantischen Ostvorpommern in eine katholische Provinz, irgendwo bei Köln. Ist das gleiche Bühnenprogramm denkbar?
BORDEL: Das sähe mit Sicherheit anders aus. Theater, wenn es sich ernst nimmt, hat immer etwas mit seiner Umgebung zu tun. 2008 bin ich nun 25 Jahre hier. Das kann auch ein sehr großer Makel sein - weiter als bis Anklam hat er es also nun nicht geschafft. Es ist eben so, entweder man geht von einem berühmten Ort zum nächsten und partizipiert von der Berühmtheit dieses Ortes, oder man muss halt den Ort berühmt machen.
NORDKURIER: Das ist Ihr Antrieb?
BORDEL: Ja, und es ist auch ein bisschen die Not einer Tugend. Als ich hier anfing, hieß es, machen Sie sich mal keine Illusionen, Anklam ist kein Theaterstandort.
NORDKURIER: Gerade in den härtesten Zeiten entstehen große Ideen. Gibt es Pläne für die nächsten Jahre?
BORDEL: Wir beteiligen uns 2007 an der 750-Jahr-Feier von Wolgast.
NORDKURIER: Was machen Sie?
BORDEL: Eine Story aus 750 Jahren Wolgast. Die Geschichte erzählt, wie der Bürgermeister eingesperrt und erst wieder frei gelassen wird, wenn die Bürger 12 000 Taler sammeln. Also ich wüsste heute keinen Bürgermeister, für den die Bürger so viel Geld sammeln, damals aber haben sie es gemacht. Diese Geschichte werden wir theatral verarbeiten. “Eines kann ich Ihnen versprechen”, habe ich zu Wolgasts Bürgermeister Jürgen Kanehl gesagt, “wenn wir jetzt eine Gruppe aufbauen, wenn Bürger sich dort beteiligen, hören die nicht auf. Die machen weiter. Darauf müssen Sie sich einstellen.”
NORDKURIER: Wir können dann mit einer künftigen Open-Air-Bühne in Wolgast rechnen?
BORDEL: Nein, überhaupt: Es wird theatral etwas passieren.
NORDKURIER: Was stellen Sie sich vor? Etwas ähnliches wie “Vineta” auf Usedom oder “Die Peene brennt” in Anklam?
BORDEL: Zunächst machen wir die Geschichte zur 750-Jahr-Feier, dann werden die Beteiligten vielleicht eine eigene Produktion machen, irgendwann wird ein Theaterraum erschlossen werden.
NORDKURIER: Wissen Sie schon wo?
BORDEL: Nö. Wir hatten ja in Wolgast schon einmal nach dem Krieg die Peenekammerspiele, 1948.
NORDKURIER: Wo?
BORDEL: Das weiß ich auch nicht, aber es ist ja nur eine Frage der Behauptung. Denken Sie an “Vineta” (lacht).
NORDKURIER: Gibt es weitere Pläne?
BORDEL: Das Stolper Schloss auf Usedom. Ein schönes Gebäude, wo man so Sachen wie “Die drei Musketiere” oder “Das Wirtshaus im Spessart”, “Cyrano de Bergerac” spielen könnte. Aber das ist noch Zukunft.
NORDKURIER: Ist Greifswald noch aktuell?
BORDEL: In Greifswald gab es ja nun den Zank mit dem Theater Vorpommern. Ich habe jetzt einen Kooperationsvertrag mit dem Theater Schwerin, wir werden einen Kooperationsvertrag mit Neustrelitz schließen, aber mit Greifswald und Stralsund - das ist ganz schwer.
NORDKURIER: Gibt es Pläne, die Pläne bleiben, weil sie zu teuer sind?
BORDEL: Wir haben ja jetzt den 250. Todestag von Mozart. Ich wollte immer schon einmal theatral “Die Zauberflöte” machen. Werden wir dann auch noch einmal machen.
NORDKURIER: Obwohl es zu teuer ist?
BORDEL: Das ist schon ein richtig großes Märchen. Es ist ein fantastisches Stück. Die Oper ist durch die Musik so beeindruckend, dass man dahinter die Geschichte, wie sie durch Emanuel Schikaneder (schrieb das Libretto) erzählt wird, nicht so wahrnimmt. Also ich halte Schikaneder für einen ganz begabten Theatermann. Ich versuche, eine ganz moderne Variante davon zu machen.
NORDKURIER: Welche Bühne stellen Sie sich vor?
BORDEL: Sie wird auf allen drei Bühnen laufen - für diejenigen, die sich die Zauberflöte als Oper nicht antun würden, aber doch schon immer einmal wissen wollten, worum es geht. Dann wollen wir gern in Peenemünde im Kraftwerk was machen. Das ist so genial dort.
NORDKURIER: Das stimmt.
BORDEL: Geht nur kein Schwein hin.
NORDKURIER: Zu zugig.
BORDEL: Es ist furchtbar kalt. Also es gibt keinen Moment, wo es richtig Spaß macht, da zu spielen. Aber es ist so herausfordernd. Ich würde dort ja liebend gern die “Matrosen von Cattaro” machen. Und dann gibt es hier noch so einen schönen Ort, die romantischste Burgruine ganz Deutschlands ist ja hier.
NORDKURIER: Landskron?
BORDEL: Landskron - steht auch im Baedecker von 1900 drin, dass es die romantischste Burgruine ist. Es ist keine dazu gekommen. Also wird sie es immer noch sein. Das ist auch so ein Rahmen, etwas über die Welt und die Vergänglichkeit dieser Welt zu erzählen.
NORDKURIER: Das sind die Pläne?
BORDEL: Ja.
NORDKURIER: Mir fällt auf, dass Usedom nervös wird, wenn es längere Zeit regnet.
BORDEL: Touristiker denken immer: das Bett, der Strand, das Wetter - und vergessen die sinnliche Wahrnehmung. Das liegt leider daran, dass immer noch Kultur und Kunst gleichgesetzt werden. Kultur ist wie Kunst etwas, was man sich leistet und nicht etwas, was man braucht wie Lebensmittel. Bei der Usedomer Tourismus GmbH kommt Kultur nicht einmal im Rechenschaftsbericht vor. Die sind so sehr damit beschäftigt, wie sie ihre Zimmer verkaufen können und haben Prospekte, die sind so austauschbar wie nur irgendwas. Es gibt nicht eine Kulturseite darin. Die müssen natürlich furchtbar erschrocken sein, wenn einmal die Sonne wegbleibt. Da wird in Schwerin gesagt: Es ist schön, das die Insel Usedom wie Rügen ein Markenzeichen hat. Usedom hat Vineta, Rügen Störtebeker. Nur Usedom kommt nicht auf die Idee, mit Vineta zu werben. Das gehört zu Zinnowitz oder zum Theater, heißt es dann, die können sich darum kümmern.
NORDKURIER: Das heißt, viel Marketing muss vom Theater selbst geleistet werden.
BORDEL: Ja, wo wir überhaupt gar kein Geld haben. Das ist ja das Traurige und zeitaufwändig. Ich bin auch schon deshalb in so vielen Gremien, nicht weil man da möglicherweise so viel bewegen kann, sondern um einfach immer einmal wieder zu sagen, die Kultur ist nicht das fünfte Rad am Wagen, sondern die Luft in allen Rädern
NORDKURIER: Stellen Sie sich einmal Ihre Pension vor. Ist Ostvorpommern für Sie auch als Rentner attraktiv?
BORDEL: Das weiß ich auch nicht. Also ich mag es mir nicht vorstellen. Ich hatte ja auch schon die Frage, was man denn so macht, wenn man in Pension geht. Man könnte ja in der Pension eine Theatergruppe gründen (lacht). Das könnte ich mir noch ganz gut vorstellen. Aber ansonsten wüsste ich nicht so richtig, was ich machen sollte. Von der Sache ist es so: Jeder ist austauschbar und für jeden muss es auch einen Ersatz geben, sonst wäre es grausam. Es muss ja weitergehen. Nur ich könnte mir das eben nicht so richtig vorstellen. Regisseurin Gerda Quies hört schon seit sieben Jahren auf. Das ist eine Pensionierung, die ich mir auch vorstellen könnte. Das zieht sich dann über Jahre. Also wenn schon, dann sollte man auf der Bühne sterben.
Das Gespräch führte Antje Wegwerth
[erschienen am 14. Januar 2006 im Nordkurier]
Biografische Daten zu Wolfgang Bordel
Wolfgang Bordel ist am 21. Januar 1951 in Halle/Saale geboren, verbrachte dort seine Kindheit und Jugend. Er lernte zunächst Lokschlosser, machte dann eine Berufsausbildung (Triebfahrzeug-Elektriker) mit Abitur und studierte anschließend Physik an der Universität Rostock. Nach dem Abitur promovierte Wolfgang Bordel im Fach Philosophie mit dem Thema “Philosophische Fragen der Naturwissenschaften”. Seit 1983 ist Wolfgang Bordel Intendant des Anklamer Theaters beziehungsweise der Vorpommerschen Landesbühne Anklam. Der 54-Jährige hat zwei Kinder, seine Lebensgefährtin ist die Journalistin Martina Krüger. Sein Hobby: Bonsai züchten.