Die Welt in sieben Minuten - Wie die Sehnsucht nach Übersichtlichkeit bedient wird

erschienen am 22. Februar 2004 in Telepolis unter dem Titel
“Notwendige Zeitkorrektur? Die Welt in sieben Minuten - Wie die moderne Sehnsucht nach Übersichtlichkeit bedient wird”

Die Berliner Zeitung hat in diesen Tagen ihren Lesern ein verführerisches Versprechen gegeben: Wer sie liest, wird in nur sieben Minuten über die wichtigsten Ereignisse informiert. Dazu wendet der eilige Leser die Zeitung und fängt statt mit der ersten mit der letzten Seite an. Hier findet er unter dem Titel “7 Minuten Berliner Zeitung” die wichtigsten Artikel mit Überschrift und kurzem Text und manchmal einem Foto zusammengefasst. Die Texte sind nachrichtlich gehaltene Kurzmeldungen, deren Lektüre spontan keine Fragen offen lässt. Einzig der Verweis auf den vollständigen Artikel in der Zeitung hinterläst den Verdacht, durch die siebenminütige Lektüre vielleicht nicht vollständig informiert worden zu sein. Das gute Gefühl aber, sich einen Überblick verschafft zu haben, bleibt.

Oliver Gehrs hat in der Frankfurter Rundschau die These aufgestellt, das die Idee zu dieser Übersichtsseite in der Wendezeit entstanden sein muss, als der Verlag Gruner + Jahr die Berliner Zeitung übernahm. Die Ostberliner Leser beklagten sich damals beim Herausgeber Erich Böhme, dass die Zeitung zu dick und an einem Tag nicht mehr zu schaffen sei und sie mit dem blöden Gefühl zurückblieben, das schöne neue Westgeld zum Fenster rauszuwerfen. “Für diese Menschen also, von denen es in der Abonnenten-Kartei immer noch reichlich gibt, hat Uwe Vorkötter nun die Sieben-Minuten-Seite erfunden, auf der man sämtliche wichtigen Artikel in kürzester Form erhält”, schlussfolgert Gehrs. An dieser These ist was dran, allerdings geht das auch ohne die Geschichte vom naiven DDR-Bürger. Tatsächlich scheinen Parallelen zur Geschichte des modernen Museums offensichtlicher.

Folgt man beispielsweise Boris Groys, Professor für Kunstwissenschaft, Philosophie und Medientheorie an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, begleitet den modernen Menschen das frustrierende Gefühl, “das Wichtigste zu verpassen und das Ganze nicht zu sehen”. Entsprechend sieht Groys einen traditionellen Aufklärungsauftrag darin, diese frustrierende Unübersichtlichkeit durch eine Übersichtlichkeit zu ersetzen. Das Museum ist für ihn ein typischer Ort, an dem dies recht gut gelingt. Die jeweiligen Ausstellungen sind thematisch, zeitlich und räumlich so angelegt, dass Besucher das Gefühl bekommen: “ich bin endlich am richtigen Ort zur richtigen Zeit”.

Wird das vorgegebene Raum-Zeit-Kontinuum überschritten, funktioniert der Überblick nicht mehr. Diese strikten Bedingungen verdeutlichen beispielsweise Installationskünstler recht wirksam, die in Ausstellungen Filme platzieren, die ein Jahr und länger dauern oder Texte, die tausend Seiten umfassen. [1] Natürlich kann nichts von alledem im Rahmen eines gewöhnlichen Ausstellungsbesuches vollständig konsumiert werden. Was bleibt, ist die frustrierende Gewissheit, den Überblick verloren oder nie erreicht zu haben.

Die Tageszeitung lebt vielleicht mehr noch als das Museum von dem Versprechen, einen Überblick zu bieten. Dass ihr das inzwischen in nur sieben Minuten gelingen soll, ist sicher rekordverdächtig. In Zeiten des Internets geraten Tageszeitungen allerdings nur noch selten in den Verdacht, zu schnell zu sein. Und so kann denn auch die Überblickseite der Berliner Zeitung zweifellos als Versuch gedeutet werden, einen Schritt auf den Leser zuzugehen. Denn nicht nur der ehemalige DDR-Bürger tut sich mittlerweile schwer mit dem Gedanken, einen komplette Zeitung lesen zu müssen, um einen Überblick zu erhalten, wo doch Internet, Radio, Fernsehen “das Wichtigste vom Tag” im Minutentakt bringen. Die Sieben-Minuten-Seite scheint also eine gelungen Sache zu sein. Selbst der Vorwurf, die schnelle Seite würde auf Kosten des Inhalts gehen, funktioniert nicht. Wer mehr zum Thema lesen will, muss ja nur blättern.

Doch geht es überhaupt darum? Ist es nicht viel verblüffender, dass man gar nicht das Gefühl hat, blättern zu müssen, sich stattdessen der Eindruck breit macht, über das “Wichtigste” unterrichtet zu sein? Wie geht das mit der aktuellen Sprach- und Bildkritik zusammen, die mit breiter Zustimmung Zweifel am mimetischen Charakter der Bilder und dem repräsentativen Sprachgebrauch anmeldet? Gilt für die Zeitung nicht, dass Bilder in Macht-Wissen-Dispositive (Michel Foucault) eingebunden sind und sich nur in einem Kontext präsentieren können, abhängig von bestimmten Machtstrategien und -strukturen oder bestimmten Strategien der Auswahl? Gilt für das gedruckte Wort in der Zeitung nicht, dass es sich in Diskursformationen bewegt, die an Selbstbezüglichkeit kaum zu übertreffen sind und sich nur mit größter Mühe mit dem Ereignis, über das sie berichten, in Verbindung bringen lassen?

Danach müsste doch eine Seite mit vielen kleinen Texten und Bildern eigentlich eine Menge Verweise, Fragen, Spuren zurücklassen. Aber man ahnt, weil es nicht so ist, dass die eigentliche Kunst, einen journalistischen Überblick zu geben, darin besteht, jene Spuren, die Bild und Sprache in Raum und Zeit hinterlassen, wieder sorgfältig zu verwischen.

Seit der Maßstab für den Überblick nur noch wenige Minuten beträgt, ist dieses Handwerk für die Zeitungsmacher etwas schwieriger geworden. Man möchte gar nicht mehr ausschließen, dass eine Zeitung statt eines überlangen Textes oder Filmes in einer der oben beschriebenen Installationen auftaucht und als einstmaliges Organ der Übsichtlichkeit, das diffuse Gefühl der Unübersichtlichkeit verbreitet. “7-Minuten Berliner Zeitung” ist vielleicht ein Mittel, das zu verhindern, eine notwendig gewordene Korrektur.

[erschienen am 22. Februar 2004 in Telepolis]