Wie Medienmacher die Zukunft des Journalismus sehen

 Update Oktober 2012:
“Wir werden wieder Stars am Journalistenhimmel haben”

Die jährliche Besser-Online-Tagung [1] des Deutschen Journalistenverbandes bringt Menschen auf die Podien, die in irgendeiner Art und Weise Wegbereiter neuer Entwicklungen in den Medien sind. Insofern lässt sich diese Veranstaltung auch immer als Trend- und sicher auch als Krisenbarometer lesen. Nachdem in den Vorjahren die unternehmerischen Qualitäten der Verleger und die multimedialen Fähigkeiten der Journalisten kritisch hinterfragt wurden und schließlich das iPad als Retter der Branche am Horizont erschien, scheint jetzt ein altes Mantra in die Redaktionsräume zurückzukehren. Journalisten sollen wieder richtig guten Journalismus machen.

Die Zukunft des Journalismus im Netz seien „publizistische Ideen“, sagte Stefan Plöchinger, Chefredakteur von sueddeutsche.de in seinem Eröffnungsvortrag. Viel zu lange haben Verlage auf Klickzahlen gesetzt, wer die meisten hat und wessen Seite am schnellsten wächst. “Zahlenhörig” sei das. Deshalb Schluss mit der Zahlentrickserei, guter Journalismus brauche publizistische Ideen, neue Strategien und “wir Journalisten müssen damit anfangen“.

Miriam Meckel

Was sollte man dagegen einwenden? Hier wird nicht länger ein fiktiver Journalist an die Wand gemalt, dem niemand gerecht werden kann und deshalb auch nicht muss. Dieses Mantra packt Redakteure bei ihrer Kernkompetenz und fordert alles von ihnen. Wer nicht mitmacht, “versündigt sich am Journalismus” (Plöchinger) und wer mitmacht, kann ganz groß rauskommen. “Wir werden wieder Stars am Journalistenhimmel haben”, prophezeite unlängst Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel in ihren Thesen zur Zukunft des Journalismus [2].

Eine zweite Tugend, die sich der moderne Journalist zu eigen machen sollte, sei der Umgang mit Facebook und Twitter, sowie der Dialog mit dem Leser über die Kommentarfunktion, findet Plöchinger. Für Reichweite und Nutzerbindung sei dieser Kontakt unerlässlich. Auch habe sich vor allem Twitter als nützliches Recherchetool und schneller Informationskanal erwiesen. Aber ein Kniefall vor Social Media ist das nicht. Tatsächlich hat in der Branche eine Umwertung der sozialen Netzwerke stattgefunden.

Zunächst glaubte man noch, die Kommentarfunktion und die sozialen Netzwerke böten nun jenen Rückkanal des mündigen Bürgers, den Bertolt Brecht in seiner Radiotheorie [3] entwarf. Es war ein diffuser Respekt vor jenem Gegenspieler da draußen, der die journalistische Arbeit kritisch, hintergründig und analytisch hinterfragen und seine Meinung schließlich kundtun würde. Aber dieser Vorschuss-Respekt scheint verflogen. Plöchinger zitierte während der Tagung jene populär gewordene Studie [4], in der 1442 User-Kommentare eines Artikels auf Zeit Online ausgewertet und in der die Nutzer anschließend in vier verschiedene Typen eingeteilt wurden: den Pöbler, den Musterschüler, den Bemühten und den Besserwisser. Es klingt, als wäre man sich einig im Abgesang auf den einst gefürchteten respektablen Gegenspieler Bürger.

Aber vielleicht entlarvt sich hier auch nur ein ganz besonders selbstbezogenes Denken der Medien. Dafür spricht eine These der Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel. Aus ihrer Sicht lassen sich die Netzwerke am ehesten als Communitys beschreiben, die innerhalb der Medien noch einmal ein eigenes Subsystem bilden. Und dieses basiere eben nicht wie die klassischen Medien auf Inhalten, sondern bilde sich “aus Begeisterung, aus Interesse und auch aus Zusammengehörigkeitsgefühl”. [2] In diesen Gemeinschaften geht es ungefähr so politisch zu, wie im ganz normalen Leben, in dem man ja auch nicht jeden Kommentar ernst nehme, auch nicht jeden eigenen.

Was bleibt also festzuhalten? In den Medienhäusern scheint man sich nach alter Größe zurückzusehnen, in der es wieder Platz für Stars gibt und in der man sich  demonstrativ von jenen Besserwissern, Pöblern, Musterschülern und Bemühten da draußen abzuheben versucht. Psychologen würden der Branche eine narzisstische Neurose attestieren, und damit eigentlich nichts Neues.

[1] http://besser-online.remind-vps.de
[2] http://slidesha.re/JbsI9x
[3] http://bit.ly/6ilD3
[4] http://bit.ly/NeTMWV

erschienen im DJV-Magazin MV
Antje Wegwerth

Update Juni 2011:
Berichte aus dem Labor
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Durch die Auflagen- und Anzeigenverluste erleben vor allem die Regionalzeitungs-Verlage ihre bislang schwerste Krise und noch immer gibt es kein Geschäftsmodell, mit dem ein professioneller redaktioneller Journalismus im Internet finanziert werden kann. Das ist bedenklich, aber es ist soweit nicht neu. Die klassischen Medien stecken seit einigen Jahren in dieser Krise. Und weil sie sich bei ihrer Bewältigung bisher ziemlich hilflos gezeigt haben, hat ihnen das während des Norddeutschen Journalistentages in Hamburg den neuerlichen Vorwurf eingebracht, ein „Problem mit dem Innovationsmanagement“ (1) zu haben. Wenn man aber vereinzelten Vorträgen während des Journalistentages eine gewisse Branchenrelevanz beimessen kann, gibt es auch hoffnungsvolle Signale. Einzelne Verlage scheinen die Lähmung überwunden und in eine kreative Phase eingetreten zu sein.

Ein Hauptvorwurf an die Verleger war in der Vergangenheit, sie hätten nicht begriffen, dass sie es inzwischen mit einer neuen medialen Umgebung zu tun haben. Ihr Journalismus sei auf die alten Medien optimiert, für die neuen Medien funktioniere er nicht mehr (2). Lange Zeit war nicht klar, was man nun mehr fürchten sollte: die einsetzende Angststarre der Verleger oder einen finanziell riskanten Aktionismus.

Doch nun scheint es, als hätten einzelne Verlagshäuser, jedenfalls in der Außenkommunikation, die Lähmung überwunden und sind in die kreative Phase eingetreten. Beispielhaft dafür sind die „Berichte aus dem Labor“ von Herbert Flecken, der Vorsitzender der Geschäftsführung der Madsack-Gruppe ist. In diesem „Labor“ werden Piloten produziert. Gerade haben eine Hannover-96- und eine THW-Kiel-App das Labor verlassen. Solche Apps für ansässige Vereine seien einfach Pflichtprogramm für regionale Medienhäuser, findet Flecken. Gebastelt werde auch an einem Silver-Surfer-Projekt, Ausgang noch ungewiss. Wenn er schätzen sollte, so würde er sagen, am Ende schaffen es vielleicht zwei von zehn Produkten wirklich auf den Markt. Es werde auch schon deshalb nicht blind und ohne Testphase in jedes Projekt investiert, weil er schließlich die Verantwortung für „eintausend Journalisten, die jeden Monat ihr Geld haben wollen“ trage. Anzeichen von Angststarre oder finanziell riskantem Aktionismus sind in dieser Argumentation nicht erkennbar.

Zuweilen nimmt der neue Unternehmergeist der Branche aber auch bizarre Züge an. Dem Springer-Verlag würde er durchaus zutrauen, auch noch einen Volks-Dildo auf den Markt zu bringen, stichelte Stern-Chefredakteur Thomas Osterkorn während der Tagung.

Aber die Berichte aus dem Labor sollen nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Verlage mit den neuen Medien mehrheitlich nach wie vor schwer tun. Man muss gar nicht die ganz große Keule schwingen und den ungelenken Umgang mit den sozialen Medien kritisieren. Auch beim klassischen Nachrichtengeschäft gibt es offenkundige Probleme. „Man stößt überall auf dieselbe journalistische Information, aber kaum auf Exklusivität“, sagt Christoph Neuberger, der an der Münchner Universität Kommunikationswissenschaften lehrt und die Entwicklungen in der Medienbranche seit Jahren analysiert. Die Folge: Wenn auf allen Seiten die gleichen Agentur-Inhalte stehen, gehen immer weniger auf die Webseiten. Die Onlinemedien machten sich damit selbst überflüssig.

Diese Kritik trifft nicht nur die kleinen Verlage. Jüngst hatte Blogger Stefan Niggemeier einen Tag lang das Geschehen auf stern.de ausgewertet und festgestellt, dass auch hier kaum eigene Inhalte zu finden seien und im Wesentlichen Agentur-Meldungen einlaufen. Die nachträgliche Rechtfertigung von Stern-Chefredakteur Thomas Osterkorn, Niggemeier habe einen schlechten Tag bei stern.de erwischt, klang den Journalisten bei der Tagung vernehmbar zu dünn. Also legte der Stern-Chef nach: „Wir sind nicht bereit, aberwitzige Millionenbeträge zu versenken.“ Solange es kein funktionierendes Geschäftsmodell für das Internet gebe, halte sich der Verlag zurück.

Die verlegerische Verantwortung in allen Ehren, aber am stern.de-Beispiel wird schon deutlich, warum der Münchner Professor Neuberger die Branche zu einem gezielten Innovationsmanagement auffordert. Schließlich darf man auch nicht vergessen, dass die augenblickliche Situation auch Auswirkungen für die Mitarbeiter hat. So ist es für Osterkorn selbstverständlich, dass die Höhe des Gehaltes an den Gewinn der meist ausgelagerten Online-Redaktionen geknüpft wird. Und da gelte:
Solange Online nicht bis wenig rentabel arbeite, verdienen die Online-Redakteure auch weniger als ihre Print-Kollegen. Wirklich bitter ist die Situation für Freie: „Es wird im Internet nicht so viel bezahlt, dass man als Freier davon leben könnte“, da redet der Stern-Chef gar nichts schön.

Auf dem Weg zu mehr Innovation rät der Münchner Professor übrigens zur Entschleunigung.
Auf die Frage, welchen Twitter-Account er empfehle, verweigerte sich der Medien-Professor und antworte: Er wolle eine Lanze für Langsamkeit, Tiefe und Hintergrund brechen. Das Internet biete technisch ja nicht nur die Möglichkeit zur Schnelligkeit, sondern auch zu Tiefe, Additivität und Lexikalität. Mit letzteren könnten sich die Online-Angebote wirklich unverwechselbar machen. Mit diesem Plädoyer zu Langsamkeit und Tiefe weiß sich Neuberger einig mit Margot Käßmann, die ihr Impulsreferat zum Auftakt des Norddeutschen Journalistentages dem Thema Entschleunigung widmete. Auf die Frage, was ihr Tipp für ein erfülltes journalistisches Arbeiten sei, antwortete die ehemalige Bischöfin: „Es ist gut, wenn man zu dem stehen kann, was man produziert hat.“

(1) „Der Journalismus hat ein Problem mit dem Innovationsmanagement“ sagte Christoph Neuberger, Professor für Kommunikationswissenschaften an der Universität München während des Norddeutschen Journalistentages in Hamburg am 18. Juni 2011
(2) Dr. Robin Meyer-Lucht hat sich dazu ausführlich während der DJV-Tagung „Besser online“ 2009 geäußert. Eine Dokumentation der Tagung gibt es unter:
http://bit.ly/9NcFu7

Die einzelnen Podien der Tagung zum Nachhören gibt es hier unter dem Menüpunkt Dokumentation.
Antje Wegwerth

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Update Oktober 2010:
Wer soll das bezahlen?…

Burda-Justiziar Robert Schweizer (rechts) will das Leistungsschutzrecht, Google-Vertreter Ralf Bremer auf keinen Fall und „Focus Online“-Chef Jochen Wegner sitzt zwischen den Stühlen. Foto: Wegwerth

“Zwischen Paid Content und Gratiskultur - Wer zahlt für Journalismus im Netz?“, das ist im Moment eine der drängendsten Fragen der Verleger und es ist der Titel der „Besser Online“-Tagung des Deutschen Journalistenverbandes, die kürzlich in München stattfand. Es gibt die „Besser Online“-Reihe des DJV seit sechs Jahren, immer mit einem möglichst aktuellen Schwerpunkt, diesmal eben die Frage, wie sich im Netz Geld verdienen lässt.

Auf der Seite der Verleger scheint der Weg vorgezeichnet: Das Leistungsschutzrecht für Presseverleger sei alternativlos, sagt Burda-Justiziar Prof. Dr. Robert Schweizer während des Eröffnungspodiums, die nötigen gesetzlichen Grundlagen seien vorhanden, ein besseres Erlösmodell gebe derzeit nicht. Mit der Einführung eines Leistungsschutzrechtes können Presse-Verlage eigene Rechte an den von ihnen veröffentlichten Inhalten geltend machen. Verbunden ist damit die Möglichkeit, dass die Verlage eine “Verwertungsgesellschaft“ gründen. Das kennt man aus der Musikindustrie. Die verfügt bereits über Leistungsschutzrechte. Plattenfirmen erheben auf dieser Grundlage zum Beispiel Abgaben für das Spielen der von ihnen veröffentlichten Stücke im Radio.

Was die Film- und Musikindustrie hat, wollen die Presseverlage nun auch und haben durchaus erfolgreich Lobbyarbeit betrieben. FDP und CDU haben das Anliegen 2009 in ihren Koalitionsvertrag aufgenommen und darin notiert: „Verlage sollen im Online-Bereich nicht schlechter gestellt werden als andere Werkvermittler. Wir streben deshalb die Schaffung eines Leistungsschutzrechts für Presseverlage zur Verbesserung des Schutzes von Presseerzeugnissen im Internet an. Anja Zimmer, DJV-Geschäftsführerin NRW: Wir prüfen das Leistungsschutzrecht wohlwollend. Auch vom Deutschen Journalistenverband gibt es keinen grundsätzlichen Einwand. Man prüfe das Leistungsschutzrecht für Presse-Verleger wohlwollend, fordere aber 50 Prozent der Einnahmen für die Autoren, erklärte die Geschäftsführerin des DJV-Landesverbandes Nordrhein-Westfalen, Dr. Anja Zimmer, in Richtung Burda-Justiziar Schweizer während des Auftaktpodiums. Zudem dürfe das Leistungsschutzrecht nicht zu finanziellen Belastungen für Journalisten führen.

Der Widerstand gegen das Leistungsschutzrecht aus den Reihen der Journalisten, Autoren und Blogger aber ist inzwischen beachtlich. Die kritischen Zwischenrufe während der Veranstaltung verleiteten den Google-Vertreter auf dem Podium, Dr. Ralf Bremer, Senior Manager Communications and Public Affairs, zu der süffisanten Bemerkung, er sei in der Gewissheit angereist, auf einem heißen Stuhl Platz zu nehmen, aber auf dem sitze nun ja offensichtlich Verleger-Justiziar Schweizer.

Die Vorwürfe der Autoren im Zusammenhang mit dem Leistungsschutzrecht sind ethischer und finanzieller Natur. Was das Radio für die Musikindustrie ist, ist Google für die Presseverleger. Der Suchmaschinen-Anbieter könnte mit Hilfe des Leistungsschutzrechtes kräftig zur Kasse gebeten werden. Während die Verlage argumentieren, das sei nur rechtens, denn im Moment würden die Suchmaschinen die Presseverlage unlauter ausbeuten, sagen die Kritiker, Google beute nicht aus, sondern erbringe eine besondere Leistung für die Verlage, wenn es auf ihre Inhalte verweise und sie auffindbar mache. Außerdem zwinge niemand die Verlage zu Google. Jeder Anbieter habe die Möglichkeit, Suchmaschinen technisch auszusperren. Das ist die inhaltliche Kontroverse, aber es geht den Kritikern auch ums Geld. Denn vom Leistungsschutzrecht profitieren nicht die Autoren, sondern die Verleger. Wie und ob die Verlage ihre Einnahmen an Autoren weitergeben, ist ihnen überlassen.
Unter Journalisten und Bloggern wiederum kaum umstritten, dafür aber offenbar für Verleger weniger lukrativ, scheinen die neuen Social-Payment-Dienste. Flattr mit aktuell 25 000 Nutzern und Kachingle mit 2000 Anwendern sind die am weitesten verbreiteten Angebote. Sie werden hauptsächlich von Bloggern verwendet. Flattr nutzen inzwischen auch drei Verlage, freitag.de, vorwärts.de und taz.de. Ein großer Verlag ist bislang nicht eingestiegen. Karsten Wenzlaff, Redakteur beim SPD-Organ vorwaerts.de hat diese Social-Payment-Dienste während der Tagung „Besser Online“ detailliert erklärt.

Bleibt die Frage, warum diesen Diensten bislang nicht der Durchbruch gelungen ist. Noch habe kein großer Verlag den ersten Schritt gewagt, vielleicht haben die Verleger aber auch Sorge, ihre Rechte an Inhalten an ein neues und damit noch unberechenbares Unternehmen abzugeben, sagte Karsten Wenzlaff, aber das sei Spekulation. Hinter flattr steht Pirate-Bay-Mitbegründer Peter Sunde, hinter Kachingle die US-Amerikanerin Cynthia Typaldos aus Mountain View in Kalifornien, wo auch Google seinen Stammsitz hat.

Erwähnenswert bei der Frage, wie sich Geld im Netz verdienen lasse, ist auch die Einschätzung von „Focus Online“-Chef Jochen Wegner. Focus.de habe nach dem Abschaffen der Paywall das zehnfache an Umsatz durch Werbung erzielt. Aber die Voraussetzungen haben sich geändert, so Wegner. 2011 empfehle er seinen Kollegen wieder über Bezahlinhalte nachzudenken. Wie das genau aussehen soll, darüber hielt sich Jochen Wegner bedeckt. Dass er dies aber durchaus ernst meint, zeigt eine persönliche Entscheidung. Kurz vor der Tagung wurde bekannt, dass der 40-Jährige Focus Online verlässt um mit Marco Börries (Entwickler von StarOffice) ein eigenes Unternehmen, die Mag10 Publishing GmbH zu gründen. Die zwei wollen sich offenbar auf Anwendungen (Apps) für Handys und Tablets wie das iPad konzentrieren. Jedenfalls kündigte Jochen Wegner gegenüber der Nachrichtenagentur dpa an: „Konkret könne Mag10 für seine Kunden die notwendige Reichweite aufbauen, Software-Werkzeuge zur Gestaltung von iPad-Magazinen zur Verfügung stellen und außerdem Apps für Mobilgeräte gestalten“.

Am Ende der „Besser Online“-Tagung lassen sich sicher keine verlässlichen Aussagen über konkrete Finanzierungsmodelle der Verlage geben, aber ein Trend zeichnet sich ab, der irgendwo zwischen Leistungsschutzrecht bedingten Abgaben, kostenpflichtigen Apps und vielleicht auch Micro- beziehungsweise Social-Payment liegen wird. Wobei die Social-Payment-Modelle auch für Blogger und freie Journalisten zunehmend interessant werden dürften.

Eine ausführliche Dokumention zum Nachlesen und Nachhören der Tagung gibt es unter:
http://rdn-online.de/besseronline/dokumentation
Interviews und Hintergründe zum Leistungschutzrecht gibt es auf carta.info
http://carta.info/tag/leistungsschutzrecht
Zu Kachingle und flattr geht es hier:
http://kachingle.com
http://flattr.com
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Update November 2009:
Der Journalismus ist in eine Identitätskrise geraten
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Ein gutes Jahr ist seit der Crossmedia-Tagung vergangen. Die Verlage sind mit Fernsehen, Zeitungen und Zeitschriften noch im Besitz der wichtigsten Werbeträger, sehen ihr Monopol aber schwinden. Zum einen wandern Nutzer und Werbung zunehmend von den klassischen Medien ins Internet ab, wodurch es zu Refinanzierungsproblemen der klassischen Medien kommt. Zum anderen gelingt es den Verlagen nicht, an die Erfolge der analogen Zeit anzuknüpfen und auch im Internet zu einem starken Werbeträger zu werden. Nur zehn Prozent der Werbeumsätze im Internet werden in journalistischen Umfeldern gemacht, rechnet der Publizist Dr. Robin Meyer-Lucht während der DJV-Tagung “Besser online” Journalisten vor. Für ihn ist klar, mit dem Journalismus, den die Verlage im Internet anbieten, können sie nicht erfolgreich sein, denn er stammt aus einer anderen Zeit, passt nicht zum neuen Medium: “Wir müssen uns klar machen, dass der Journalismus, den wir alle kennen, den wir alle lieben, dass das ein Journalismus ist, der auf die alten Medien optimiert ist.” Wir haben jetzt eine neue mediale Umgebung, die einen neuen Journalismus benötige.

Ja, der Journalismus ist in eine Identitätskrise geraten, konstatiert Christoph Neuberger, Professor für Kommunikationswissenschaften an der Universität Münster. Das größte Problem könnte die Zeit werden. Folgt man der Analyse des TAZ-Online-Chefs Matthias Urbach, ist die aktuelle Umbruchsphase sehr gefährlich für die Verlage, denn ihre Onlineauftritte sind zumeist noch ein Zuschussgeschäft, während ihnen die Umsätze in den klassischen Medien wegbrechen. Wer diese Phase überstehe, könne sich “glücklich” schätzen.

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Update März 2008
Crossmedia - Wie Medienmacher die Zukunft des Journalismus sehen

In einem Journalistenforum wurde kürzlich über ein Aufmacherbild von Spiegel Online diskutiert, das ein geschwollenes Gesicht in Großaufnahme zeigte. Die Frau war offenbar bei einem Polizeiverhör in den USA misshandelt worden. Um mehr über den Vorfall zu erfahren, musste man sich das verlinkte Video anschauen. Eben das wollten einige der Journalisten, die in dem Forum diskutierten, nicht tun. Es sei sensationsheischend, dieses Foto ohne erklärende Hintergründe so prominent auf der Seite zu platzieren und miese Taktik, die Besucher auf ein vermutlich nicht besseres Video leiten zu wollen. Natürlich könne man Letzteres erst mit Gewissheit sagen, wenn man das Video auch gesehen habe. Nur sei bisher kaum ein angeklickter Videoclip auf irgendwelchen Medienseiten annähernd journalistisch relevant gewesen, warum sollte es diesmal anders sein?

Nun beäugt man die eigene Zunft sicherlich immer kritisch und Spiegel Online im Besonderen, doch die Richtung, in die die Kritik geht, wird deutlich: Den Online-Angeboten von Verlagen, die mit Bilderstrecken und Videoclips die werberelevanten Besucherzahlen (Visits) und Seitenaufrufe (Page Impressions) hoch treiben möchten, wird ihre journalistische Kernkompetenz abgesprochen, nämlich relevant zu sein.
Ob Relevanz allerdings nur in Textform erzielt werden kann, ist eine andere Geschichte. Keine Frage, die Verlage nähren diesen Eindruck mit sinnfreien Bilderstrecken und Videoclips. Aber vielleicht lohnt sich ein Blick in die benachbarten Fernseh- und Hörfunkstationen. Hier gehört die tägliche Lektüre von Zeitungen und inzwischen einigen Online-Angeboten zum Pflichtprogramm. Man weiß durchaus zu schätzen, was die Print- und Onlinekollegen da ausgraben - und für sich zu nutzen. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass in diesem Moment ein klassischer Zeitungs-Journalist eine Recherche abschließt, die ein Fernsehredakteur morgen mit Gewinn lesen und daraus seine Geschichte machen wird. Die Frage ist, was macht die eigene Online-Redaktion damit? Will sie überhaupt etwas damit machen?

Die Bundeszentrale für politische Bildung hat Anfang März ein Seminar zur crossmedialen Möglichkeiten von Lokalredaktionen veranstaltet. Referenten waren neben Medienwissenschaftlern Chefredakteure, Verleger und Geschäftsführer von Regionalzeitungen. Folgt man ihren Ausführungen, sind folgende Antworten auf diese Frage denkbar:

  1. die Geschichte erscheint ausschließlich im gedruckten Blatt, weil man mit dem Online-Auftritt die eigene Zeitung nicht kannibalisieren möchte;
  2. die Geschichte wird online kurz angerissen, ist in Gänze aber nur in der Zeitung zu lesen;
  3. der Beitrag wir online gestellt, aber kostenpflichtig;
  4. der Beitrag erscheint zuerst online, dann in der Zeitung;
  5. wenn der Autor zusätzliche Bilder und ein Video anbietet, nimmt man es gern an, wird ihn aber im Fall, dass er freier Mitarbeiter ist, nicht zusätzlich honorieren;
  6. die Online-Redaktion möchte die Geschichte mehrmedial aufbereiten, hat aber keine qualifizierten Redakteure;
  7. es gibt qualifizierte Redakteure, aber die mehrmediale Aufbereitung wird vom Verlag als unverhältnismäßig teuer abgelehnt;
  8. es gibt qualifizierte Redakteure, aber die arbeiten an eigenen Formaten und Rubriken, die abgesehen von den “Breaking News” kaum Bezug zu exklusiven oder aktuellen Themen haben;
  9. es wird ein “Spezial” zum Bericht mit einfach gehaltenen Bilderstrecken und vielleicht einem Video gemacht.

Die unterschiedliche Gewichtung hängt vor allem an einer Frage: Ist der Online-Auftritt überbewertet oder unterschätzt? - und hier gehen die Meinungen sehr weit auseinander. Der Chefredakteur der Braunschweiger Zeitung, Paul-Josef Raue, sagt: überschätzt, Urs Gossweiler, Chefredakteur und Verleger der Jungfrau Zeitung aus der Schweiz, glaubt: unterschätzt. Irgendwo dazwischen, manchmal auch nah dran, sind die im folgenden Video zu Wort kommenden Medienmacher- und Analysten: die Chefredakteurin der Netzeitung, Domenika Ahlrichs, der Geschäftsführer der Munich Online GmbH, Raimondo Sanna, der Leitende Redakteur der Main-Post, Folker Quack, der Chefredakteur der Lahn-Dill-Gruppe, Dirk Lübke, Medienberater Steffen Büffel, die Wissenschaftlerin Dr. Sonja Kretzschmar und Clemens Helldörfer, Redakteur der Nürnberger Nachrichten:

Wer sich tiefer in die Materie einarbeiten möchte, dem seien folgende Audio-Vorträge empfohlen.

Urs GossweilerUrs Gossweiler, Verleger und Chefredakteur der Jungfrau Zeitung aus Interlaken:
Optimistische Studien sagen, wir nutzen statistisch fünf Internetportale, realistische sagen, es sind drei. Ein Platz geht an Google, der zweite an den Internetprovider, bei dem man seinen E-Mail-Account hat. Wenn es die Verlage nicht schaffen, sich den dritten Platz zu sichern, haben sie keine Zukunft. Die Jungfrau Zeitung bringt ausschließlich lokale Inhalte, die augenblicklich ins Netz gestellt werden. Zwei Mal in der Woche erscheint die Jungfrau Zeitung zudem als kostenpflichtige gedruckte Ausgabe, die die Beiträge enthält, die zuvor im Netz veröffentlicht wurden. Gossweiler ist überzeugt, dass sich auch deutsche Verlage nur mit lokalen Themen den dritten Platz sichern können, denn nur im Lokalen können sie noch exklusive Inhalte bieten. Für alles andere gibt es Spiegel-Online. Und die Verleger müssen sich beeilen. Wenn sie es nicht machen, macht es jemand anderes - Google Local kommt.

Hier gibt es die Folie zum Vortrag

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Raimondo SannaRaimondo Sanna, Geschäftsführer der Munich Online GmbH, ein Unternehmen der Mediengruppe Münchner Merkur/tz:
Vor zehn Jahren bauten Portale wie mobile.de, immonet.de oder der Scout-Gruppe Portale auf, die den Verlagen das Anzeigengeschäft im Bereich der Rubrikenmärkte streitig machten. Jetzt begehen die Verlage den zweiten großen Fehler. Sie nehmen kein Geld in die Hand, um ihre Online-Portale gebührend auszubauen und sie investieren kein Geld, um ihre Mitarbeiter für die Anforderungen des Online-Journalismus auszubilden. Damit unterschätzen sie die Konkurrenz im Netz, sagt Raimondo Sanna. Die Zeiten seien endgültig vorbei, wo sich die Verlage nur mit anderen Zeitungen messen mussten, die die selbe Region oder die selben Zielgruppen bedienten. Die Konkurrenz im Netz sei um vieles größer und nur einen Klick vom eigenen Angebot entfernt. Sanna erzählt in dem Vortrag ausführlich, wie der Münchner Merkur und die Münchner tz an ihrem Online-Angebot basteln und welche Schwierigkeiten er sieht. Bemerkenswert ist unter anderem die Rolle, die den Videojournalisten zukommt. Bei tz und Münchner Merkur übernehmen die Volontäre diesen Job. Sie drehen laut Sanna im Auftrag des Verlages neben den journalistischen Beiträgen auch Videos für Werbekunden. Darüber hinaus werde darüber nachgedacht, ob sie verstärkt Fotografen ersetzen können. Nach Sannas Angaben weigern sich die freien Fotografen, ihre Fotos für Online-Veröffentlichungen kostenlos zur Verfügung zu stellen. “Diese “Unbereitschaft”, sagt er, führt nun zu der Überlegung, verstärkt Fotos aus dem gedrehten Videomaterial der Volontäre zu ziehen.

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Steffen Büffel

Steffen Büffel, Medienberater, Trainer, Wissenschaftler und Blogger:
Die Zeitungsverlage unterschätzen die Tragweite des Mediennutzungsverhalten. Jugendliche waren noch nie große Zeitungsleser, aber die Verlage konnten sich doch einigermaßen sicher sein, dass sich einige von ihnen in gesetzterem Alter zunehmend für das Weltgeschehen und die Ereignisse vor ihrer Haustür interessieren - und die Zeitung abonnieren. Heute liegt der Fall anders. Welche Interessen und Hobbys Jugendliche auch immer haben, sie ziehen sich die für sie relevanten Informationen aus dem Internet. Werden diese Jugendlichen irgendwann eine Zeitung abbonieren? “Warum sollten sie?”, sagt Steffen Büffel. Diese Frage stellt sich ihnen überhaupt nicht mehr.

Hier gibt es die Folie zum Vortrag

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Dr. Sonja Kretzschmar

Dr. Sonja Kretzschmar, Institut für Kommunikationswissenschaften der Universität Münster:
Investigativ recherchieren, fotografieren, drehen, schneiden, schreiben - wenn ein Journalist alles machen soll, ist die Qualität seiner Arbeit mies und damit auch die Qualität des Mediums. Multimedial arbeitende Redaktionen sollten sich deshalb Gedanken über eine sinnvolle Arbeitsteilung machen. Vielversprechend sind aus ihrer Sicht die Erkenntnisse eine multimedial arbeitenden Modell-Redaktion, die vor sechs Jahren von der IFRA, ein internationaler Verband von Unternehmen der Zeitungs- und Medienbranche, an der Universität South Carolina in Columbia (USA) eingerichtet wurde. Kerry Northrup, der Direktor diesen Newsplex-Programmes, schlägt aus den gemachten Erfahrungen folgende Arbeitsteilung vor: So genannte Newsflow-Editors übernehmen die Funktion des Chefredakteurs und Chefs vom Dienst. Storybuilder konzentrieren sich auf wenige Themen und deren multimediale Inhalte. News-Resourcer recherchieren Hintergründe für Themen, egal für welchen Kanal sie gedacht sind. Multiskilled Journalisten sind vor Ort und liefern das Audio-, Video- und Textmaterial.

Hier gibt es die Folie zum Vortrag

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Jeder einzelne dieser Vorträge enthält Plädoyers für die Stärkung des Online-Auftritts klassischer Medien. Todd Gittin, Journalismus-Professor an der Columbia University, war nicht Referent dieser Tagung der Bundeszentrale für politische Bildung. Dafür hat er mit sueddeutsche.de gesprochen und ein wichtiges Argument geliefert, warum die Stärkung des Online-Auftritts eine gedruckte Zeitung nicht überflüssig, sondern mehr noch, zumindest zum jetzigen Zeitpunkt, wichtig macht:

„Einer der großen Vorzüge der gedruckten Zeitung ist ja, dass man ganz automatisch und ohne es zu beabsichtigen, auf Themen und Informationen gestoßen wird, von denen man gar nicht annahm, dass sie einen interessieren könnten. Genau dieser Wert des Unerwarteten wird durch das eher zielgerichtete Lesen im Internet ausgehebelt.“

Die Inhalte auf Online-Seiten verändern sich bei vielen Medien inzwischen stündlich, manchmal binnen weniger Minuten. „Der Schnee“ von vor ein paar Stunden wandert ins Archiv. Damit lässt sich noch immer von einem potenziell freien Zugang zu den Themen sprechen, sofern die Archive kostenfrei sind. Aber die Nutzung dieser Archive setzt beim Nutzer eine Kompetenz voraus, für die Medien ein ganzes Redaktionsteam bezahlen, nämlich nichts anderes zu tun, als Nachrichten zu gewichten und einzuordnen. Wenn Berichte mit dem Vermerk +++ Eilmeldung +++ auf die Seite gehoben werden, kann der Nutzer die suggerierte Wichtigkeit glauben - oder nicht. Ob diese Meldung den Aufmerksamkeitsbonus im Vergleich zu dem dafür ins Archiv abgewanderten Bericht jedoch verdient, weiß am Ende vielleicht noch der Leitende Redakteur, die Nachrichtenredaktion oder der Chef vom Dienst, dem Leser aber fehlt bei vielen Medien im Moment der sichtbare Vergleich für diese Gewichtung.