“Wer gegen Nazis vorgeht, ist kein Nestbeschmutzer” - ein Interview mit Piet Oltmanns

erschienen im November 2004 im Nordkurier

Vor einigen Wochen hat das Bündnis “Bunt statt braun” zusammen mit der Amadeu-Antonio-Stiftung Xavier Naidoo mit den Brothers Keepers an Schulen in Vorpommern geholt, jetzt wurde das Bündnis vom deutschen PEN für seine Arbeit gegen den Rechtsextremismus mit der Hermann-Kesten-Medaille ausgezeichnet. Die Aufmerksamkeit bekannter Bürgerrechtler, Musikern, Politiker, Journalisten oder Literaten scheint dem Anklamer Bündnis also inzwischen gewiss. Etwas anders verhält es sich, wenn die Gruppe beispielsweise regionale Bürgermeister oder Schulleiter zu einer Tagung gegen Rechtsextremismus einlädt. Dann bleiben viele Stühle unbesetzt. Dabei geht es nicht ohne diese örtlichen Autoritäten, erklärt der Bündnis-Sprecher Piet Oltmanns im Interview.

Piet Oltmanns (Foto: Wegwerth)

NORDKURIER: “Es gibt einen merkwürdigen Glauben bei den aufrechten Demokraten - den Glauben, dass Moral im Kampf gegen Rechtsextremismus reicht”, hat der Journalist Heribert Prantl in seiner Laudatio zur Verleihung der Kesten-Medaille gesagt. “Bunt statt braun” mache es richtig, denn das Bündnis betreibe “demokratische Grundausbildung”, “Demokratie-Coaching”.

OLTMANNS: Es muss für alles ein Name gefunden werden. Aber im Grunde tun wir das. Manche sagen, der Osten war nie eine Zivilgesellschaft. Das glaube ich nicht. Ich denke, es waren viele kleine Zivilgesellschaften. Es gibt hier sehr viele Leute, die etwas gegen Rechte tun würden. Was ihnen fehlt, sind die Methoden. Es gibt kaum Erfahrung, sich bürgerrechtlich zu engagieren oder Demonstrationen zu organisieren. Da versuchen wir zu helfen.

NORDKURIER: Viele Aktive aus dem Bündnis, Sie eingeschlossen, kommen aus dem Westen. Es könnte als arrogant aufgefasst werden, wenn Sie behaupten, die Menschen in der Region haben eine demokratische Grundausbildung nötig.

OLTMANNS: Wir sind uns dessen bewusst. Aber ich halte es auch für ein vorgeschobenes Argument. Ich will ein Beispiel nennen. Eine Betreuerin im Jugendclub hat bedenken, die Neonazis aus dem Club zu schmeißen, weil sie glaubt, sie verstößt dann gegen das Pluralismusgebot. Das ist ein Konflikt, den die Frau hat. Oder aber der Bürgermeister sagt, der Junge ist kein Neonazi. Der spielt doch im Fußballverein und seine Mutter kenne ich auch.

NORDKURIER: Was entgegnen Sie dann?

OLTMANNS: Das ist das Problem. Die Strategien gegen rechts sind für Städte entwickelt worden. Im ländlichen Raum liegen ganz andere Bedingungen vor. Die Anonymität einer Großstadt macht es leichter. Gegen Rechte im eigenen Dorf oder im Haus gegenüber vorzugehen, ist natürlich ungleich schwieriger.

NORDKURIER: Sie setzen gezielt auf Autoritäten Es ist etwas anderes, ob Xavier Naidoo mit Jugendlichen spricht oder die Mitarbeiterin des Jugendklubs.

OLTMANNS: Ja, oder der Ordnungsamtsleiter oder der Bürgermeister. Deshalb veranstalten wir ja Tagungen wie in Züssow, um Entscheidungsträger anzusprechen. Wenn mir jemand vor zehn Jahren gesagt hätte, ich würde einmal aktiven Verfassungsschutz betreiben, hätte ich den Kopf geschüttelt. Aber darum geht es. Wenn man gegen Nazis vorgeht, ist man kein Nestbeschmutzer, sondern man säubert das Nest. Ich wünschte, es würden sich hier mehr Entscheidungsträger demonstrativ auf die Seite der Verfassung stellen und die Bürgerrechte verteidigen.

NORDKURIER: Das sind doch alles junge Leute, das Problem erledigt sich von selbst, wenn die mit beiden Beinen im Leben stehen - ein häufiges Argument.

OLTMANNS: Wer so etwas sagt, muss sich vor Augen halten, dass es hier eine sehr starke Neonazi-Struktur gibt, die sich meines Erachtens auch deshalb etablieren konnte, weil die Nazi-Konzerte in Klein Bünzow geduldet wurden. Wegschauen und zu glauben, dass Problem löst sich von selbst, funktioniert nicht. Es greift immer mehr um sich.

NORDKURIER: Wenn man auf jedes “Heil Hitler” reagieren sollte, käme man gar nicht mehr zum Unterrichten, wird ein Lehrer in der Laudatio zitiert.

OLTMANNS: Was soll ein Lehrer machen, wenn 50 Prozent der Klasse geschlossen Haltung zeigt?

NORDKURIER: Wo ist das so?

OLTMANNS: Ich nehme an, dass Prantl auf die Berufsschule in Anklam anspielt.

NORDKURIER: Was sollten Lehrer machen, Anzeige erstatten?

OLTMANNS: Nein, keine Anzeige. Damit macht man die Rechten nur noch zu Märtyrern. Ein einzelner Lehrer denke ich, kann da nur wenig machen. Da muss man mindestens auf Schulebene ansetzen.

NORDKURIER: Ein Konzept für die ganze Schule, eine Richtlinie, an der sich alle Lehrer orientieren könnten?

OLTMANNS: Ja, so etwas. Es ist doch verständlich, wenn sich die Lehrer allein gelassen fühlen. Wir müssen deshalb die Entscheidungsträger an den Tisch holen, ohne die geht es nicht.

NORDKURIER: In der Laudatio wurde betont, dass der Rechtsextremismus in dieser Region kein ausschließliches Jugend-Phänomen ist. Die Jugendlichen von einst sind erwachsen geworden und die Neonazi-Szene verfügt inzwischen über gute ökonomische Strukturen. “Dachdecker-, Tiefbau- und Taxibetriebe” wurden als Beispiel genannt. Hat Heribert Prantl diese Informationen von “Bunt statt braun”?

OLTMANNS: Von “Bunt statt braun” oder dem Verfassungsschutz. Ich meine, das sind doch allgemein zugängliche Informationen und man kann es doch auch sehen, wenn jemand sein Haus mit Runen verziert. Es sei denn, man möchte es nicht sehen.

NORDKURIER: Wer das Thema Rechtsextremismus immer und immer wieder problematisiert, der nimmt in Kauf, dass er dem Tourismus schadet und damit bewusst Arbeitsplätze der hier lebenden Menschen aufs Spiel setzt…

OLTMANNS: Die Touristen fürchten sich doch nicht, weil “Bunt statt braun” hier Demos gegen Nazis organisiert, sondern weil sie gehört haben, dass auf einem Zeltplatz rechte Schläger gewütet haben. Die Rechnung geht nicht auf, wenn man glaubt, man könnte die Insel Usedom aus der Schusslinie nehmen.

NORDKURIER: Und wie kann es funktionieren?

OLTMANNS: Die Peenemünder Demonstration hat deutlich gezeigt, dass der andere Weg der richtige ist. Als die Nazis gegen die Wehrmachtsausstellung marschiert sind, hat sich der Tourismusverband an den Protesten beteiligt und ein Gegenkonzert mit Hannes Wader mitorganisiert. Das war eine klare Botschaft - Usedom steht zur Wehrmachtsausstellung. Zudem war die Demonstration diesmal recht gut organisiert. Die Rechten haben hohe Auflagen erhalten.

NORDKURIER: Demonstrationen müssen ja nicht genehmigt werden.

OLTMANNS: Nein, sie brauchen nur beantragt werden. Aber es können Auflagen erteilt werden. Es ist ein Problem, wenn dies nicht geschieht und die Demos aus Unkenntnis einfach nur durchgewunken werden.

NORDKURIER: Wie reagiert die rechte Szene auf die Strategie von “Bunt statt braun”, den von Rechten besetzten, öffentlichen Raum zurückzuerobern? Werden Sie persönlich bedroht?

OLTMANNS: Nein, Gott sei Dank (klopft drei Mal auf den Holztisch). Das hängt sicher auch mit der geänderten Strategie der Rechten zusammen. Sie treten ja nicht mehr so als Schläger in Erscheinung. Aber ich mach mir keine Illusionen. Wir fotografieren sie bei Veranstaltungen, um zu wissen, wer dazu gehört und sie fotografieren uns.

NORDKURIER: Sie haben gesagt, Sie hoffen, dass die Auszeichnung des deutschen PEN “Bunt statt braun” gerade in dieser Region zu mehr Aufmerksamkeit verhilft.

OLTMANNS: Das ist doch etwas schönes. Soweit ich mich erinnere, war die Nominierung für den Preis auch vor den Wahlen. Also bevor die NPD ins Parlament eingezogen ist. Das zeigt, dass man beim PEN die Problematik schon erkannt hat, bevor der große Aufschrei kam.

Das Gespräch führte Antje Wegwerth
[erschienen im November 2004 im Nordkurier]