Bottenbengel
mit Filmblick

erschienen am 27. Januar 2006 im Nordkurier

Christian König

Er ist kein Vorzeigebub, mal Irokesenschnitt, mal Glatze, oft eine Bierflasche in der Hand. Da drehen sich die Leute in einer Kleinstadt wie Gützkow um, tuscheln. Ihn selbst hat keiner angesprochen, aber seine Mutter. “Was ist denn mit deinem Jungen los?”

An der Grafik+Design-Schule in Anklam begann sich die Welt für Christian König zu weiten. Vielleicht lag es am Jahrgang, viele waren irgendwie durchgeknallt. Ein Freund hatte sein komplettes Wohnzimmer im Prüfungsraum aufgebaut. “Selbst den Teppich haben wir ausgeschnitten.” Christian König legte der Prüfungskommission den Kurzfilm “Mein Film Tagebuch” vor.


Ein Video als Abschlussarbeit, das hatte es vorher nicht gegeben. Und es ist unverkennbar autobiografisch: “Stellt euch vor, ein paar Ordner kommen auf euch zu und wollen unter Androhung von Strafe, dass ihr euch auszieht. Und das alles nur, weil ihr der nationalen Kleiderordnung nicht entsprecht.” Was dann folgt, sind Saufgelage, Selbstzüchtigungen, Träume - surreale Szenen. Wer im richtigen Leben nichts mit diesem Bottenbengel, wie Christian König sich nennt, anfangen kann, dem wird dieser Film kaum gefallen. Das Besondere an diesem Abschlussstück ist vielleicht auch gar nicht, dass es aneckt, sondern technisch ein Novum ist.

Christian König hatte nur eine kleine 1-CCD-Chip-Kamera für Hobbyfilmer zur Verfügung - schlechte Bildqualität ist da vorprogrammiert - aber jede Menge Ahnung von digitaler Grafik-, Bildbearbeitung und Videoschnitt, viel Ehrgeiz und eine große Portion Talent. Für einen solchen Film sind - selbst bei kleiner Besetzung - ein Regisseur, Kameramann, Beleuchter, ein Ton-Team, Zeichner und Cutter am Werk. Hier war es nur der Bottenbengel aus Gützkow.

Christian König weiß um sein Talent und nimmt auch in Anspruch, besser als viele Filmcrews zu sein. Er mag deutsche Dokumentationen nicht. “Sie geben sich nicht einmal die Mühe, einen Farbfilter einzusetzen. Die Dokumentationen wirken einfach nur amateurhaft”, sagt der 21-Jährige. Die Farben müssen schon stimmen, er sei nun einmal Grafik-Designer, da achte man auf so etwas.

Die Abschlussarbeit ist nicht der erste Film des Gützkowers. Den Trickfilm “Der Pappirman” hat er nach dem gleichnamigen Song der Band “Hortkinder” mit Freunden vor einer Greenbox auf der Internatstoilette der Grafik+Design-Schule gedreht. In dem Klo gibt es kein Fenster, nur Leuchtstoffröhren, so konnten die Aufnahmen bei gleichbleibenden Lichtverhältnissen gedreht werden.


Als der Film im Neubrandenburger Stadtkanal lief, wollte das Telefon der Redaktion nicht stillstehen. Von wem war denn das?, wollten die Anrufer wissen. So etwas gab es zuvor beim Stadtkanal nicht, haben ihm die Mitarbeiter erzählt. “Der Laie sieht es nicht”, sagt Christian König, “aber der Film war nicht sauber. Die Greenbox schimmerte manchmal zwischen dem Feuer hindurch.”

Inzwischen hat der Grafik-Designer aufgerüstet, seinen Bausparvertrag gekündigt und sich eine hochauflösende HD-Kamera gekauft. Zunächst ist der Zivildienst dran. Anschließend möchte er auf eigene Faust Filme drehen. Eine Anstellung in einem Studio kommt nicht infrage. “Ich könnte mich nicht anpassen”, sagt er.


Die DVD “Mein Film Tagebuch” mit Kurzfilmen Christian Königs ist in der Grafik+Design-Schule, Demminer Straße 36, 17389 Anklam erhältlich; Telefon 03971 213079; E-Mail: g.d.s.a@t-online.de.