In einem Journalistenforum wurde kürzlich über ein Aufmacherbild von Spiegel Online diskutiert, das ein geschwollenes Gesicht in Großaufnahme zeigte. Die Frau war offenbar bei einem Polizeiverhör in den USA misshandelt worden. Um mehr über den Vorfall zu erfahren, musste man sich das verlinkte Video anschauen. Eben das wollten einige der Journalisten, die in dem Forum diskutierten, nicht tun. Es sei sensationsheischend, dieses Foto ohne erklärende Hintergründe so prominent auf der Seite zu platzieren und miese Taktik, die Besucher auf ein vermutlich nicht besseres Video leiten zu wollen. Natürlich könne man Letzteres erst mit Gewissheit sagen, wenn man das Video auch gesehen habe. Nur sei bisher kaum ein angeklickter Videoclip auf irgendwelchen Medienseiten annähernd journalistisch relevant gewesen, warum sollte es diesmal anders sein?
Nun beäugt man die eigene Zunft sicherlich immer kritisch und Spiegel Online im Besonderen, doch die Richtung, in die die Kritik geht, wird deutlich: Den Online-Angeboten von Verlagen, die mit Bilderstrecken und Videoclips die werberelevanten Besucherzahlen (Visits) und Seitenaufrufe (Page Impressions) hoch treiben möchten, wird ihre journalistische Kernkompetenz abgesprochen, nämlich relevant zu sein.
Ob Relevanz allerdings nur in Textform erzielt werden kann, ist eine andere Geschichte. Keine Frage, die Verlage nähren diesen Eindruck mit sinnfreien Bilderstrecken und Videoclips. Aber vielleicht lohnt sich ein Blick in die benachbarten Fernseh- und Hörfunkstationen. Hier gehört die tägliche Lektüre von Zeitungen und inzwischen einigen Online-Angeboten zum Pflichtprogramm. Man weiß durchaus zu schätzen, was die Print- und Onlinekollegen da ausgraben - und für sich zu nutzen. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass in diesem Moment ein klassischer Zeitungs-Journalist eine Recherche abschließt, die ein Fernsehredakteur morgen mit Gewinn lesen und daraus seine Geschichte machen wird. Die Frage ist, was macht die eigene Online-Redaktion damit? Will sie überhaupt etwas damit machen?
Die Bundeszentrale für politische Bildung hat Anfang März ein Seminar zur crossmedialen Möglichkeiten von Lokalredaktionen veranstaltet. Referenten waren neben Medienwissenschaftlern Chefredakteure, Verleger und Geschäftsführer von Regionalzeitungen. Folgt man ihren Ausführungen, sind folgende Antworten auf diese Frage denkbar:

  1. die Geschichte erscheint ausschließlich im gedruckten Blatt, weil man mit dem Online-Auftritt die eigene Zeitung nicht kannibalisieren möchte;
  2. die Geschichte wird online kurz angerissen, ist in Gänze aber nur in der Zeitung zu lesen;
  3. der Beitrag wir online gestellt, aber kostenpflichtig;
  4. der Beitrag erscheint zuerst online, dann in der Zeitung;
  5. wenn der Autor zusätzliche Bilder und ein Video anbietet, nimmt man es gern an, wird ihn aber im Fall, dass er freier Mitarbeiter ist, nicht zusätzlich honorieren;
  6. die Online-Redaktion möchte die Geschichte mehrmedial aufbereiten, hat aber keine qualifizierten Redakteure;
  7. es gibt qualifizierte Redakteure, aber die mehrmediale Aufbereitung wird vom Verlag als unverhältnismäßig teuer abgelehnt;
  8. es gibt qualifizierte Redakteure, aber die arbeiten an eigenen Formaten und Rubriken, die abgesehen von den “Breaking News” kaum Bezug zu exklusiven oder aktuellen Themen haben;
  9. es wird ein “Spezial” zum Bericht mit einfach gehaltenen Bilderstrecken und vielleicht einem Video gemacht.

Die unterschiedliche Gewichtung hängt vor allem an einer Frage: Ist der Online-Auftritt überbewertet oder unterschätzt? - und hier gehen die Meinungen sehr weit auseinander. Der Chefredakteur der Braunschweiger Zeitung, Paul-Josef Raue, sagt: überschätzt, Urs Gossweiler, Chefredakteur und Verleger der Jungfrau Zeitung aus der Schweiz, glaubt: unterschätzt. Irgendwo dazwischen, manchmal auch nah dran, sind die im folgenden Video zu Wort kommenden Medienmacher- und Analysten: die Chefredakteurin der Netzeitung, Domenika Ahlrichs, der Geschäftsführer der Munich Online GmbH, Raimondo Sanna, der Leitende Redakteur der Main-Post, Folker Quack, der Chefredakteur der Lahn-Dill-Gruppe, Dirk Lübke, Medienberater Steffen Büffel, die Wissenschaftlerin Dr. Sonja Kretzschmar und Clemens Helldörfer, Redakteur der Nürnberger Nachrichten:


Wer sich tiefer in die Materie einarbeiten möchte, dem seien folgende Vorträge empfohlen.

Urs GossweilerUrs Gossweiler, Verleger und Chefredakteur der Jungfrau Zeitung aus Interlaken:
Optimistische Studien sagen, wir nutzen statistisch fünf Internetportale, realistische sagen, es sind drei. Ein Platz geht an Google, der zweite an den Internetprovider, bei dem man seinen E-Mail-Account hat. Wenn es die Verlage nicht schaffen, sich den dritten Platz zu sichern, haben sie keine Zukunft. Die Jungfrau Zeitung bringt ausschließlich lokale Inhalte, die augenblicklich ins Netz gestellt werden. Zwei Mal in der Woche erscheint die Jungfrau Zeitung zudem als kostenpflichtige gedruckte Ausgabe, die die Beiträge enthält, die zuvor im Netz veröffentlicht wurden. Gossweiler ist überzeugt, dass sich auch deutsche Verlage nur mit lokalen Themen den dritten Platz sichern können, denn nur im Lokalen können sie noch exklusive Inhalte bieten. Für alles andere gibt es Spiegel-Online. Und die Verleger müssen sich beeilen. Wenn sie es nicht machen, macht es jemand anderes - Google Local kommt.

Hier gibt es die Folie zum Vortrag

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Raimondo SannaRaimondo Sanna, Geschäftsführer der Munich Online GmbH, ein Unternehmen der Mediengruppe Münchner Merkur/tz:
Vor zehn Jahren bauten Portale wie mobile.de, immonet.de oder der Scout-Gruppe Portale auf, die den Verlagen das Anzeigengeschäft im Bereich der Rubrikenmärkte streitig machten. Jetzt begehen die Verlage den zweiten großen Fehler. Sie nehmen kein Geld in die Hand, um ihre Online-Portale gebührend auszubauen und sie investieren kein Geld, um ihre Mitarbeiter für die Anforderungen des Online-Journalismus auszubilden. Damit unterschätzen sie die Konkurrenz im Netz, sagt Raimondo Sanna. Die Zeiten seien endgültig vorbei, wo sich die Verlage nur mit anderen Zeitungen messen mussten, die die selbe Region oder die selben Zielgruppen bedienten. Die Konkurrenz im Netz sei um vieles größer und nur einen Klick vom eigenen Angebot entfernt. Sanna erzählt in dem Vortrag ausführlich, wie der Münchner Merkur und die Münchner tz an ihrem Online-Angebot basteln und welche Schwierigkeiten er sieht. Bemerkenswert ist unter anderem die Rolle, die den Videojournalisten zukommt. Bei tz und Münchner Merkur übernehmen die Volontäre diesen Job. Sie drehen laut Sanna im Auftrag des Verlages neben den journalistischen Beiträgen auch Videos für Werbekunden. Darüber hinaus werde darüber nachgedacht, ob sie verstärkt Fotografen ersetzen können. Nach Sannas Angaben weigern sich die freien Fotografen, ihre Fotos für Online-Veröffentlichungen kostenlos zur Verfügung zu stellen. “Diese “Unbereitschaft”, sagt er, führt nun zu der Überlegung, verstärkt Fotos aus dem gedrehten Videomaterial der Volontäre zu ziehen.

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Steffen Büffel

Steffen Büffel, Medienberater, Trainer, Wissenschaftler und Blogger:
Die Zeitungsverlage unterschätzen die Tragweite des Mediennutzungsverhalten. Jugendliche waren noch nie große Zeitungsleser, aber die Verlage konnten sich doch einigermaßen sicher sein, dass sich einige von ihnen in gesetzterem Alter zunehmend für das Weltgeschehen und die Ereignisse vor ihrer Haustür interessieren - und die Zeitung abonnieren. Heute liegt der Fall anders. Welche Interessen und Hobbys Jugendliche auch immer haben, sie ziehen sich die für sie relevanten Informationen aus dem Internet. Werden diese Jugendlichen irgendwann eine Zeitung abbonieren? “Warum sollten sie?”, sagt Steffen Büffel. Diese Frage stellt sich ihnen überhaupt nicht mehr.

Hier gibt es die Folie zum Vortrag

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Dr. Sonja Kretzschmar

Dr. Sonja Kretzschmar, Institut für Kommunikationswissenschaften der Universität Münster:
Investigativ recherchieren, fotografieren, drehen, schneiden, schreiben - wenn ein Journalist alles machen soll, ist die Qualität seiner Arbeit mies und damit auch die Qualität des Mediums. Multimedial arbeitende Redaktionen sollten sich deshalb Gedanken über eine sinnvolle Arbeitsteilung machen. Vielversprechend sind aus ihrer Sicht die Erkenntnisse eine multimedial arbeitenden Modell-Redaktion, die vor sechs Jahren von der IFRA, ein internationaler Verband von Unternehmen der Zeitungs- und Medienbranche, an der Universität South Carolina in Columbia (USA) eingerichtet wurde. Kerry Northrup, der Direktor diesen Newsplex-Programmes, schlägt aus den gemachten Erfahrungen folgende Arbeitsteilung vor: So genannte Newsflow-Editors übernehmen die Funktion des Chefredakteurs und Chefs vom Dienst. Storybuilder konzentrieren sich auf wenige Themen und deren multimediale Inhalte. News-Resourcer recherchieren Hintergründe für Themen, egal für welchen Kanal sie gedacht sind. Multiskilled Journalisten sind vor Ort und liefern das Audio-, Video- und Textmaterial.

Hier gibt es die Folie zum Vortrag

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Jeder einzelne dieser Vorträge enthält Plädoyers für die Stärkung des Online-Auftritts klassischer Medien. Todd Gittin, Journalismus-Professor an der Columbia University, war nicht Referent dieser Tagung der Bundeszentrale für politische Bildung. Dafür hat er mit sueddeutsche.de gesprochen und ein wichtiges Argument geliefert, warum die Stärkung des Online-Auftritts eine gedruckte Zeitung nicht überflüssig, sondern mehr noch, zumindest zum jetzigen Zeitpunkt, wichtig macht:

„Einer der großen Vorzüge der gedruckten Zeitung ist ja, dass man ganz automatisch und ohne es zu beabsichtigen, auf Themen und Informationen gestoßen wird, von denen man gar nicht annahm, dass sie einen interessieren könnten. Genau dieser Wert des Unerwarteten wird durch das eher zielgerichtete Lesen im Internet ausgehebelt.“

Die Inhalte auf Online-Seiten verändern sich bei vielen Medien inzwischen stündlich, manchmal binnen weniger Minuten. „Der Schnee“ von vor ein paar Stunden wandert ins Archiv. Damit lässt sich noch immer von einem potenziell freien Zugang zu den Themen sprechen, sofern die Archive kostenfrei sind. Aber die Nutzung dieser Archive setzt beim Nutzer eine Kompetenz voraus, für die Medien ein ganzes Redaktionsteam bezahlen, nämlich nichts anderes zu tun, als Nachrichten zu gewichten und einzuordnen. Wenn Berichte mit dem Vermerk +++ Eilmeldung +++ auf die Seite gehoben werden, kann der Nutzer die suggerierte Wichtigkeit glauben - oder nicht. Ob diese Meldung den Aufmerksamkeitsbonus im Vergleich zu dem dafür ins Archiv abgewanderten Bericht jedoch verdient, weiß am Ende vielleicht noch der Leitende Redakteur, die Nachrichtenredaktion oder der Chef vom Dienst, dem Leser aber fehlt bei vielen Medien im Moment der sichtbare Vergleich für diese Gewichtung.